ABS hat einen schlechten Ruf. Viele verbinden das Material sofort mit hochgezogenen Ecken, rissigen Drucken und Frust nach der dritten fehlgeschlagenen Platte.
Dabei ist ABS kein schlechtes Filament – es ist nur ehrlicher als PLA. Es zeigt dir sofort, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Die gute Nachricht: ABS lässt sich zuverlässig ohne Warping drucken, wenn man versteht, warum es sich verzieht und wo man ansetzen muss.
Warum warpt ABS überhaupt?
ABS schrumpft beim Abkühlen stärker als PLA oder PETG.
Während der Druck noch warm ist, sieht alles gut aus. Sobald einzelne Bereiche schneller auskühlen als andere, entstehen Spannungen – und genau die ziehen die Ecken nach oben.
Warping ist also kein Zufall, sondern ein Temperaturproblem.
Die wichtigste Regel: gleichmäßige Wärme
ABS mag keine Überraschungen.
Kein Luftzug, kein kalter Raum, keine offenen Fenster. Je gleichmäßiger die Temperatur rund um das Bauteil bleibt, desto entspannter verhält sich das Material.
Darum scheitert ABS oft bei offenen Druckern – nicht wegen der Technik, sondern wegen der Umgebung.
Geschlossener Bauraum: kein Luxus, sondern Pflicht
Wenn du ABS ohne Warping drucken willst, führt an einem geschlossenen Bauraum kaum ein Weg vorbei.
Das bedeutet nicht zwingend eine teure Einhausung. Schon einfache Lösungen helfen:
- Drucker in einem geschlossenen Gehäuse
- DIY-Einhausung aus Holz oder Plexiglas
- stabile Umgebung ohne Zugluft
Ziel ist nicht Hitze, sondern Temperaturstabilität.
Die richtige Betttemperatur
ABS braucht ein warmes Fundament.
Bewährte Werte:
- Heizbett: 95–110 °C
- erste Schicht langsam und sauber
Zu kalt → Warping fast garantiert.
Zu heiß → Haftung gut, aber Oberfläche leidet.
Druckbetthaftung: lieber kontrolliert als brutal
ABS haftet gut – manchmal zu gut. Trotzdem ist zusätzliche Haftung sinnvoll, damit sich die Ecken nicht lösen.
Bewährte Methoden:
- Klebestift
- ABS-Saft (ABS in Aceton gelöst)
- spezielle Haftfolien
- strukturierte PEI-Platten
Wichtig: Nicht experimentieren, während du gleichzeitig andere Parameter änderst. Haftung immer gezielt anpassen.
Brim statt Skirt
Wenn ABS warpt, dann zuerst an den Ecken.
Ein Brim vergrößert die Auflagefläche und verteilt die Spannung besser.
- 5–10 Linien sind meist ausreichend
- bei großen Teilen auch mehr
Ein Brim ist kein Schönheitsfehler, sondern eine Stabilisierung.
Druckgeschwindigkeit bewusst reduzieren
ABS profitiert von Ruhe.
- erste Schicht langsam
- generell etwas langsamer als PLA
- keine extremen Beschleunigungen
Je gleichmäßiger der Druck, desto weniger Spannungen bauen sich auf.
Kühlung: weniger ist mehr
Der Bauteillüfter ist einer der häufigsten Warping-Auslöser.
- Lüfter aus oder maximal sehr niedrig
- nur bei Bedarf minimal zuschalten
- keine direkte Kühlung der Ecken
ABS soll langsam und gleichmäßig abkühlen – nicht schockgefrostet werden.
Bauteilgeometrie spielt eine Rolle
Große, flache Teile sind besonders anfällig.
Hier helfen kleine Designanpassungen:
- abgerundete Ecken
- kleine Fasen statt scharfer Kanten
- geringfügige Wandstärkenänderungen
Manchmal löst schon eine minimale Änderung das Problem komplett.
Raumtemperatur nicht unterschätzen
ABS im kalten Keller zu drucken, ist unnötig schwer.
Ideal ist ein Raum mit stabiler Temperatur – nicht eiskalt, nicht zugig.
Der Drucker muss nicht heiß stehen, aber konstant.
ABS braucht Geduld – keine Gewalt
Viele ABS-Probleme entstehen, weil man versucht, es wie PLA zu behandeln.
ABS ist kein „Plug-and-Play“-Filament, aber dafür:
- hitzebeständig
- stabil
- langlebig
- perfekt für funktionale Teile
Wenn die Umgebung stimmt, wird ABS überraschend zuverlässig.
Fazit: ABS drucken ohne Warping ist kein Mythos
Warping ist kein Zeichen von schlechtem Material, sondern von falschen Bedingungen.
Mit geschlossenem Bauraum, stabiler Temperatur, guter Haftung und etwas Geduld lässt sich ABS sauber und zuverlässig drucken.
Wer einmal ein gut gelungenes ABS-Teil in der Hand hatte, versteht, warum sich der Aufwand lohnt.
Mini-FAQ: ABS drucken ohne Warping
Warum verzieht sich ABS beim 3D-Druck so stark?
ABS schrumpft beim Abkühlen stärker als andere Filamente. Ungleichmäßige Temperaturen erzeugen Spannungen, die die Ecken anheben und zu Warping führen.
Brauche ich zwingend einen geschlossenen Bauraum für ABS?
Ja, ein geschlossener Bauraum ist der wichtigste Faktor gegen Warping. Er hält die Umgebungstemperatur konstant und verhindert Zugluft.
Welche Heizbett-Temperatur ist ideal für ABS?
Bewährt haben sich 95–110 °C. Ein zu kaltes Bett führt fast immer zu Warping, besonders bei großen Bauteilen.
Hilft ein Brim wirklich gegen Warping?
Ja. Ein Brim vergrößert die Auflagefläche und verteilt Spannungen besser. Besonders bei großen oder eckigen Teilen ist er sehr effektiv.
Sollte man den Bauteillüfter bei ABS nutzen?
Nein oder nur minimal. Starke Kühlung führt zu schnellem Abkühlen und erhöht die Gefahr von Warping deutlich.
Ist ABS für Anfänger geeignet?
ABS ist anspruchsvoller als PLA oder PETG. Mit geschlossenem Bauraum und stabilen Temperaturen ist es aber auch für motivierte Anfänger gut beherrschbar.

